Historische Sozialwissenschaft

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Forschungsprojekte

•    Geschichte des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und seiner Vorgängerinstitutionen (1917-1990)

Am 1. November 2011 berief das Bundeswirtschaftsministerium  Werner Abelshauser in eine unabhängige Historikerkommission. Diese soll die Geschichte des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) und seiner Vorgängerinstitutionen umfassend erforschen. Ausgehend von der Gründungsgeschichte des Reichswirtschaftsamtes, das 1917 durch Ausgliederung der zuvor für Wirtschaftspolitik zuständigen Abteilung des  Reichsinnenministeriums  geschaffen worden war, umfasst das Forschungsprojekt den Zeitraum bis zur Wiedervereinigung im Jahre 1990. Es werden 4 Bände erarbeitet, nämlich jeweils für die Zeitabschnitte bis 1933, 1933-45, 1945-1990 für die BRD und 1945-90 für Parallelstrukturen in der DDR. Abelshauser wird der Herausgeber des 4  Bandes( 1945 bis 1990 in der Bundesrepublik Deutschland ) sein. Er hat Kollegen aus deutschen und britischen Hochschulen mit umfangreichen Forschungserfahrung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte aufgefordert, zu diesem Band beizutragen  Abelshauser wird auch drei Aufsätze beisteuern. Zu Quellenstudien, werden die Autoren nicht nur das Bundesarchiv in Berlin und Koblenz aufsuchen, sondern auch die Staatsarchive in London, Paris , Washington, DC und Florenz. Das Projekt wurde im Jahr 2016 abgeschlossen.


•    Kulturen der Weltwirtschaft. Eine Analyse der komparativen institutionellen Vorteile der vier größten Handelsnationen USA, China, Japan, Deutschland 

Als David Ricardo sein Theorem der komparativen (Arbeits-) Kostenvorteile veröffentlichte löste er eine Revolution in der Außenhandelstheorie aus, die bis heute fortwirkt.
Fast 200 Jahre später und vor dem Hintergrund der postindustriellen Entwicklung, brauchen wir einen neuen Ansatz, weil die Arbeitskosten nicht mehr den entscheidenden Faktor für den Wettbewerbsvorteil auf technologisch fortgeschrittenen Märkten darstellen. Der Schlüssel dafür bilden institutionelle Vorteile auf Grundlage neuer, weithin akzeptierte Denkweisen (shared mental models) im Zeitalter einer immateriellen (post -industriellen ) Produktion. Diese Wirtschaftskultur bezieht sich auf Bereiche des sozialen Systems der Produktion, wie das Finanzsystem , Unternehmensführung , Zinspolitik, den der beruflichen Aus-und Weiterbildung und - last but not least– den Arbeitsbeziehungen.
Der Marktplatz für Weltgesellschaft wird von Unternehmen aus Nordamerika, Europa und Ostasien dominiert. Aber welche Rolle  spielt der jeweiligen kulturellen Hintergrund in diesem Wettbewerb ? Die zunehmende Dynamik der Weltmärkte machen es umso dringlicher , den kulturellen Hintergrund über die wissenschaftliche Forschung zu verstehen. Offensichtlich sind die kulturellen Unterschiede , was den der  Wettbewerb innerhalb der Weltgesellschaft betrifft.
Das Projekt konzentriert sich auf die Wirtschaftskulturen der vier wettbewerbsstärksten Handelsnationen (USA , China, Japan , Deutschland) mit Bezug auf  weniger erfolgreichen Wirtschaftsregionen auf dem Weltmarkt .
Das Projekt begann 2010 mit einer  Konferenz in 
Bielefeld " Wirtschaftskulturen - Kulturen der Weltwirtschaft" , die vom Institut für Weltgesellschaft  finanziert wurde . W. Abelshauser / David A. Gilgen / A. Leutzsch (Hg.) , Kulturen der Weltwirtschaft , Vandenhoeck & Ruprecht 2012: Die Ergebnisse der Konferenz wurden in einer Sonderausgabe der Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft "Geschichte und Gesellschaft " veröffentlicht. Das Ziel des Projektes ist eine Monographie über das Thema.


  
Mittelständische Wirtschaft im regionalen Wirtschaftsverbund (Monographie zur Phänomenologie des deutschen Modells)

 

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die in Deutschland vor allem das knappe Dutzend regionaler Verbundwirtschaften (Cluster) bestimmen,  gehören weder zu den Pionieren der deutschen Industrialisierung, wie das Eisenbahnwesen, der Bergbau oder die Eisen- und Stahlindustrie, noch zählen sie vorrangig zu den „neuen“ Industrien, die die zweite Welle der Industrialisierung getragen haben, wie die chemische Industrie, der Maschinenbau oder die Elektrotechnik. Ausgehend von der alten gewerblichen Tradition der jeweiligen Region lassen sich charakteristische Merkmale anführen, die seit der Industrialisierung des Raumes auf die Konfiguration der Wirtschaft bestimmenden Einfluss genommen haben. Dabei haben sich regional abgrenzbare „soziale Systeme der Produktion“ ausbilden können, deren Besonderheiten sich in groben Zügen so beschreiben lassen:

 1. Die vergleichsweise hohe Arbeitsintensität und handwerkliche Orientierung des verarbeitenden Gewerbes.

2. Die Spezialisierung des verarbeitenden Gewerbes auf diversifizierte Qualitäts-produkte, nicht auf Massengütern. Qualität wurde zu seinem Markenzeichen.

3. Die Ausbildung einer von Klein- und Mittelbetrieben geprägten Unternehmens-landschaft mit einer großen Zahl innovativer Eigentümer-Unternehmer. In der Regel weisen in klassischen Mittelstandsregionen weniger als 5 vH aller Unternehmen im produzierenden Gewerbe mehr als 500 Beschäftigte auf.

4. Die vergleichsweise hohen Berufs- und Fachschulorientierung des regionalen Ausbildungs- und Qualifizierungssystems. Dies entspricht der Bedeutung des selbständigen Unternehmers und des ausgebildeten Facharbeiters.

5. Kooperative Arbeitgeber – Arbeitnehmerbeziehungen mit einer vergleichsweise geringen Zahl von Arbeitskämpfen.

Alle diese Bestandteile des regionalen Produktionsregimes und die damit verbundenen Anforderungen an KMU sind eng miteinander verflochten und bedingten einander für den wirtschaftlichen Erfolg. Diversifizierte Qualitätsproduktion setzt hochqualifizierte Stammarbeiter voraus. Hohe Investitionen in das menschliche Vermögen machen langfristige Arbeitsverhältnisse zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Komplexes, unternehmensbezogenes Wissen der Arbeitnehmer lässt sich nicht allein durch Kontrolle vorbehalts- und restlos für den Betrieb mobilisieren. Die Lösung der aus dieser asymmetrischen Wissensverteilung resultierenden Prinzipal-Agent-Probleme setzt kooperative Arbeitsbeziehungen im Unternehmen geradezu voraus.
Die Leitungs- und Herrschaftsstrukturen mittelständischer Unternehmen verlangen eine engere Bindung an den Produktionsprozess, weil jede Entscheidung über Innovationen oder andere Investitionen von Gewicht das Schicksal des Unternehmens besiegeln können. Voraussetzung für einen langfristigen, weitgehend von Einzelpersönlichkeiten geprägten unternehmerischen Entscheidungshorizont ist nicht zuletzt auch ein Kreditwesen, das diese spezifischen Grundlagen der Unternehmensfinanzierung im Wirtschaftsraumes kennt und bereit ist, auf sie einzugehen. Dieses regionale System der Produktion unterscheidet sich nicht wesentlich, sondern eher durch Intensität und Homogenität vom nationalen Produktionsregime. Seine hohe Fähigkeit zu wirtschaftlicher Soziabilität zeigt eine Vertrauen stiftende Wirkung, die Marktbeziehungen zu niedrigen Transaktionskosten möglich macht. Es ist das ideale Umfeld für innovationsfreudige Industriezweige, die das regionale Produktionsprogramm mit speziellen, auf diesen Bedarf zugeschnittenen Lösungen versorgen.
Diesen hohen Anforderungen wird vor allem eine lange unterschätzte Organisationsform der Wirtschaft gerecht: das Familienunternehmen. Es ist längst bekannt, dass erfolgreiche Familienunternehmen auf längere Sicht profitabler wirtschaften als der Durchschnitt der Dax-Konzerne. Vor allem aber prägen sie das Wirtschaftsgeschehen in Deutschland. Mehr als 75 Prozent der Unternehmen hierzulande befinden sich in Familienhand, sie beschäftigen gut 65 Prozent aller Arbeitnehmer und erwirtschaften zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts. Nicht nur in Krisenzeiten produzieren sie als „Agenturen der Sinnstiftung“ das immaterielle Kapital, das die Wirtschaft im Innersten zusammenhält. In den 11 regionalen Wirtschaftsverbünden, die es in Deutschland heute gibt, geben traditionell Familienunternehmen den Ton an. Auch solche, deren Namen nicht jeden Tag in der Zeitung steht, die aber in ihren Branchen – auf den nationalen wie auf den Weltmärkten – zu den Besten gehören.

Geschichte der privaten Krankenversicherung im deutschen Sozialstaat (Monographie)

 

Die Geschichte der Privaten Krankenversicherung ist ein Desiderat der historischen Forschung. Bis heute gibt es keine wissenschaftlich fundierte, qualitätsgesicherte Gesamtschau der Geschichte des Systems, der Unternehmen sowie des Verbandes.
Die Branchengeschichte der Privaten Krankenversicherung beabsichtigt, die gesamte Geschichte erstmals aufzuarbeiten, von ihren Ursprüngen in der Selbstorganisation von Handwerkern und Gewerbetreibenden über die Anfänge einer sozialstaatlichen Regulierung der Krankenversicherung im 19. Jahrhundert, die Neugründung der PKV nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur gesundheitspolitischen Auseinandersetzung über „Prämie“, „Bürgerversicherung“ und „Dualität“ in der Gegenwart.
Sie stützt sich auf das Verbandsarchiv sowie auf umfangreiche Quellen in den Archiven anderer Akteure (Ministerien, GKV, Wirtschaftsverbände, Versicherungsunternehmen). Vorrangiges Ziel der Studie ist es, die Rolle der PKV im Sozialstaat zu bestimmen und diese in den Rahmen der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte einzuordnen.




DoktorandInnen