.:Akademisches Tagebuch

Wenn in der FAZ über Geschichtsunterricht gesprochen wird ...

16. Januar 2019. Uwe Ebbinghaus von der FAZ hat mich im Nachgang zur Göttinger Tagung (> 16. Juni 2018) zu den Germanen im Geschichtsunterricht interviewt. Ein spannendes Gespräch , darüber, was es bedeutet, dass die Germanen, die sogenannten Germanen kaum noch im Geschichtsunterricht vorkommen, jedenfalls nicht mehr verpflichtend. Was mich wirklich erstaunt, ist das enorme Interesse an diesen Beobachtungen. Binnen weniger Stunden hatten 70 Leute den Artikel kommentiert. Ich bekam emails. Was ist da los?

Die Kommentare zerfallen ziemlich klar in zwei Lager. Eine Gruppe sagt: Weg mit diesem verstaubten nationalistisch aufgeladenen Mythen! Eine Mehrheit der FAZ-Leser*innen (meist sind es Männer, die da kommentieren) beklagt hingegen den kulturellen Niedergang. 'Wenn nicht mal mehr die Germanen ... Was soll nur noch werden ... Wie dumm doch heute die Kinder sind ... Und selbst die Lehrer.' Ich finde das mindestens bemerkenswert.

Was braucht man, um sich im 21. Jahrundert zurechtzufinden? Welche Geschichten helfen, diese Gegenwart zu verstehen und die Herausforderungen der Zukunft angemessen anzugehen? Das ist didaktisches Fragen. Ganz offensichtlich ist es von großer Bedeutung.

Auf guten Wegen

11. Januar 2019. So langsam neigt sich der Fortbildungsreigen für das Fach Gesellschaftswissenschaften seinem Ende entgegen. Mit David Seibert habe ich nunmehr zum ... ? ... achten Mal im Auftrag des WIB Potsdam vor 100 Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern gestanden. Wir zwei und einhundert gestandene Kolleg*innen. Jedes und auch dieses Mal verlasse ich die Bühne mit hohem Respekt und großer Begeisterung.

Die Gruppe galt als schwierig. Nicht einfach zu erreichen. Grundschullehrerinnen. Brandenburg. Naja. Wann immer Leute von der Universität über Leute aus der Schule reden, ist da so ganz unterschwellig ein Kopfschütteln im Raum. Zu wenig interessiert. Zu unambitioniert. Etwas verspielt und absolut beratungsresistent.

Vielleicht ist genau das ein Kernproblem von Wissenschaft, jedenfalls aller Wissenschaft, die nicht gleich über ein startup ausgegründet und in bare Münze zu verwandeln ist. Dieses Unverständnis, dass irgendjemand sich weniger für diese oder jene doch so ganz wichtige Frage interessieren könnte. Alle nicht an dieser Expertenschaft Interessierten werden dann belächelt, abgewertet. Was soll das? Kein Wunder, dass diejenigen, die Tag für Tag einen oft harten Job machen, die viel Verantwortung tragen, nicht bereit sind, diese Überheblichkeiten durchgehen zu lassen.

David und ich haben die Erfahrung gemacht, dass Interesse, Gespräche auf Augenhöhe und Begeisterung viele Türen öffnen. Und wir sind dankbar für diese Erfahrungen. So viel Offenheit, Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. So viel Kooperation und so viel Engagement für dieses neue Fach Gesellschaftswissenschaften und seine Möglichkeiten. Respekt!

All das ist ein Lehrstück, was möglich ist, wenn sich Universität und Schule aufeinander einlassen, mit Interesse und Respekt begegnen, wenn es diesen Raum gibt, sich umeinander zu bemühen. Vielen Dank dafür!

Im Bergischen ...

4. Januar 2019. Ich habe Post vom Rektor der Uni Wuppertal bekommen. Er hat mir eine Berufung auf eine Professur für Geschichte und ihre Didaktik angeboten. Große Freude! Vielen Dank für das Vertrauen und die Anerkennung meiner Arbeit. Die nächsten Wochen werden spannend.

‚Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant’

16. November 2018. 1989 war ich 14 Jahre alt. Aus den Unschärfen meiner Erinnerungen steht mir bis heute eine Situation ganz lebhaft vor Augen, wahrscheinlich, weil sie derart ungeheuerlich war: An einem dieser Tage im Herbst ’89 oder Frühjahr ’90 kam unser Staatsbürgerkundelehrer in die Klasse, setzte sich an den Lehrertisch, schlug das Klassenbuch auf, in dem auch unsere Noten eingetragen waren, nahm ein Lineal und strich fein säuberlich alle diese Noten im Gesinnungsfach Staatsbürgerkunde durch. Vom Notendruck befreit sollte der Unterricht zum angstfreien, enthierarchisierten, ermutigenden Raum politischer Willensbildung und Auseinandersetzung werden.

Wie schnell und gut das funktioniert hat, weiß ich nicht mehr. Aber wenn ich heute Mitschüler*innen von damals treffe, erzählen wir uns gern von diesen aufregenden offenen Jahren, in der uns alles Politische interessierte und das Klassenzimmer der Ort war, in dem das Aufregende, was um uns herum vor sich ging, zum Thema wurde.

Damals wusste ich noch nichts vom Beutelsbacher Konsens, vom Überwältigungsverbot oder Neutralitätsgebot für Lehrer. Ich würde sagen, dass die Lehrer*innen gerade in der Phase des Übergangs zurückhaltend waren, auch weil sie sich ihrer Rolle unsicher geworden waren. Nur eines war ihnen klar, dass sie es bis ’89 staatstragend zu weit getrieben hatten. Der Lehrplan Geschichte der DDR definierte nicht nur Merkzahlen und historische Fakten als Lernziele, sondern auch Interpretationen und Beurteilungen. Als das alles reif war für den Papierkorb, begannen sich die Fragen gegenüber den Antworten durchzusetzen, das Abwägen gegenüber den festen Positionen.

Als Wissenschaftler sollte ich gar nicht derart subjektiv schreiben. Ich sollte das ‚ich‘ vermeiden und ich sollte die Erinnerungen eher als Zeugnisse heutiger Sichtweisen nehmen, denn als Fakten über die Vergangenheit. Und verklärt ist all das zweifellos. Aber es ging mir durch den Kopf, als ich von den Meldeportalen der AfD erfuhr. Das ist Erziehung zum Denunziantentum. Etwas, was ich sehr genau zu kennen meine. Ich wusste als Jugendlicher, wo ich zu schweigen hatte, wo Vorsicht geboten war, weil jemand mithören könnte. „Psst, nicht so laut, der Nachbar!“

‚Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.‘ Gesellschaften, die eine derartige Einrichtung haben, sind instabil. Sie benötigen diese Einrichtung ja gerade, weil die Macht der Mächtigen ansonsten nicht aufrechtzuerhalten wäre. Das durch denunziatorische Unsicherheit gesäte Misstrauen soll zersetzend wirken. Das allein ist die Absicht dieser Einrichtung. Und es hat wesentlich zur Machausübung Robespierres, Metternichs, Hitlers, Stalins, Maos und Mielkes gehört. Es ist gesellschaftlich gefährlich.

Nun meint die AfD, Schüler vor politisch übergriffigen Lehrern schützen zu müssen. Nehmen wir das für einen Moment mal ernst. Auf den ersten Blick ist das eine löbliche Absicht. Es war ja gerade das Wesen politischen Unterrichts in der DDR, dass den Schülern eine politische Haltung anerzogen werden sollte, dass Schüler*innen im Unterricht bestimmte Antworten abverlangt worden. Und es ist ein hohes Ziel der demokratischer Schulbildung, eben das zu unterbinden. Der Beutelsbacher Konsens versucht Indoktrination zu unterbinden. Konsequent wäre es, die Noten für Unterricht, der meinungsbildend wirken soll, ganz abzuschaffen. Es geht ganz einfach: Lineal raus und durchstreichen. Ich hab es selbst erlebt. Nun, das hat die AfD gerade nicht im Sinn.

‚Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.‘ Dieses Zitat wird Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben. Und da wird es für Historiker*innen auch schon interessant. Man kann die Urheberdiskussionen auf Wikiquote nachlesen, ich will die Details hier nicht weiter ausbreiten. Nur so viel: die Urheberschaft dieses Zitats ist höchst unsicher. Wie Geschichte überhaupt, insbesondere dort, wo sie interessant ist. Dass Karl der Große zu Weihnachten 800 in Rom gekrönt wurde, gilt als unstrittig, ist aber an sich zu wissen kein gewinn. Wie er aber eingeordnet werden kann, welcher Art die Geschichten sind, die über ihn erzählt wurden und werden, ob er als Bezugspunkt taugt oder nicht, darauf gibt es keine klaren Antworten. Und genau diese Unbestimmtheit macht das wesentliche Potential von Geschichte aus, dass sie zur Auseinandersetzung anregt und somit entscheidend zur Selbstverortung und Selbstverunsicherung beiträgt.

Wenn es nun Lehrer*innen gibt, die dieses Potential vergeuden, weil es in ihrem Geschichtsunterricht nur um bloße Zahlen, Daten und Fakten geht, dann sollten Eltern das unbedingt thematisieren, im Gespräch, im Streit mit diesen Lehrern, im Zweifelsfall auch mit Schulleitungen und Aufsichtsbehörden.

Der Pranger eines Internetportals hingegen wird diesen Zweck vollkommen verfehlen. Und das werden die, die ihn einrichten, auch sehr genau wissen. Die bornierten Lehrer*innen, die er angeblich treffen soll, wird er ohnehin nicht schrecken. Die anderen aber soll er verängstigen. Denunziation zielt vor allem auf diese Wirkung. Das kann am Ende nur dazu führen, dass sich Lehrer*innen aufs Unstrittige zurückziehen. Und genau damit würde der wesentliche Gewinn des Geschichtsunterrichts verspielt.

Kindern und ihren Eltern kann man nur raten, sich bei den Lehrer*innen zu beschweren, die ihnen so etwas vorenthalten.

Den Lehrer*innen im Land kann man nur zurufen: Lasst Euch nicht einschüchtern. Politisiert Euren Unterricht. Verunsichert. Bringt die Kinder zum Streiten und streitet mit ihnen. Es geht um etwas, wenn Ihr über Karl den Großen redet oder über den Reichsdeputationshauptschluss (ja, den hat es tatsächlich gegeben). Stürzt Euch auf die Themen, die verunsichern und lasst sie Eure Schüler*innen nach allen Seiten wenden. Vor allem: Durchleuchtet die spukenden Begriffe wie „Abendland“, „Vaterland“ und „Heimat“. Fragt Euch mit Euren Schüler*innen, was die Leistungen deutscher Soldaten aus zwei Weltkriegen sein sollen, auf die man stolz sein soll (Gauland, 02.09.17). Sprecht über Kultur und Migration, über Krieg und Vertreibung. Analysiert, was die „Volksgemeinschaft“ war im Dritten Reich und was für ein Lump der Denunziant ist.

Zuerst veröffentlicht auf sowi-online

Am Grab der Geschichte

25. Oktober 2018. François Hartog ist erster Koselleck-Gastprofessor in Bielefeld und er hat heute Abend die Grabesrede für Clio gehalten.

Das macht mich betroffen und neugierig, auch ratlos. Der Vortrag des Bielfelder Theoriezentrums im Museum Huelsmann war unter die Frage gestellt, „Has History in the West become a Place of Memory?“ und man kann ihn auf zweierlei Weise verstehen.

Etwas harmloser hat Hartog seine These aufgegriffen, dass das heute dominierende Historizitätsregime das eines Präsentismus ist. Kompliziert. Die Presseabteilung hat das zunächst so verstanden, dass Leute trotz Krankheit auf Arbeit gehen weil sie denken, immer anwesend sein zu müssen.

Hartog geht es aber um etwas anderes. Er befragt die Art, mit der Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpfen und welche Orientierung sie daraus ziehen. Er unterscheidet ein altes Leitmotiv (Regime), bei dem man aus der Vergangenheit lernen konnte (‚historia magistra vitae’), weil die Vergangenheit die Zeit war, aus der das Licht in die Gegenwart schien. In der Moderne wurde das durch eine Perspektivierung auf die Verheißungen der Zukunft abgelöst, der man alles zutraute, in deren Licht der Fortschritt unweigerlich führen wird. Doch für diese Zuversicht gibt es spätestens seit 1945 keinen Grund mehr (sehr schön in mit Anselm Kiefers Engel der Geschichte demonstriert, einem geschrotteten Flufgzeugwrack).

Schon nach dem Ersten Weltkrieg war klar, dass das Sterben für eine Sache nichts Heroisches mehr haben kann, dass sich Töten industriell perfektionieren lässt. Auschwitz hat diesen ethischen Abgrund noch einmal ins Unendliche wachsen lassen. Spätestens seitdem könnte man wissen, dass diese Geschichte von „Vorsprung durch Technik“ in eine glorreiche Zukunft nur ein fataler Irrweg sein kann. Aber stattdessen haben Kaugummi und dicke Würste ein ‚Lasst es und nochmal probieren‘ hervorgebracht, die die große Illusion noch einmal ein halbes Jahrhundert weitergetragen haben. Star Wars und Juri Gagarin waren die großen Täuschungen der späten Moderne.

Verheißungen, die heute von immer weniger Menschen geglaubt werden. Diejenigen, die Geld haben, kaufen sich den eigenen SUV-Panzer und verkriechen sich in Gated Communuities. Die anderen machen kaputt, was sie kaputt macht oder was sie dafür halten. Und immer mehr machen sich auf den Weg, um die Töpfe des Nordens auszukratzen. Was um sich greift ist eine große Angst und nur der Populismus vermag sie aufzufangen.

Im Westen, im Norden, merkt man das alles mittlerweile sehr deutlich. Entweder führt das zu einer Flucht in den Selbstbetrug behaglicher Nostalgie. Oder, nicht loslassen könnend von der Hoffnung auf ein Nachleben in der Zukunft, errichten wir uns das eigene Grab, gravieren unsere Namen in Messing in der Hoffnung, dass irgendwer sie lesen wird in 100 Jahren. Hartog demonstrierte das am Beispiel des 2014 errichteten Weltkriegdenkmals in Notre Dame de Lorette in Nordfrankreich: ein kreisrunder hortus conclusus, an dessen Innenseite die Namen von 580.000 Toten des Ersten Weltkrieges in alphabetischer Reihenfolge eingeschrieben sind. Vor wem werden die Namen dieser Toten geschützt? Was ist das für eine furchtbare Welt da draußen?

Die Vergangenheit hat darauf keine Antworten parat. Und die Zukunft, die hier verteidigt wird, ist eine Ilussion, „dubios und beängstigend“. Hartog hat heute Abend die Grabesrede für diese Clio gehalten. Auch er weiß nicht, was nun kommen kann und sollte. Nur eines: „Ein neues Konzept von Geschichte wird nicht in den Werkstätten Europas geschmiedet werden.“

„Angesichts der Herausforderungen der Gegenwart braucht es den reflektierten Umgang mit historischer Erfahrung“

2. Oktober 2018. Die Gerada-Henkel-Stiftung hat mit ihrem Portal L.I.S.A Interesse am Bielefelder Theoriezentrum gefunden und mich um ein Interview gebeten. Das Ergebnis ist nun online.

Es ist für mich immer noch ein befremdendes Unterfangen, etwas zu lesen, was ich selbst geschrieben habe, etwas zu hören, was ich selbst gesagt habe. So in etwa, wie wenn man seine eigene Stimme auf einer Aufnahme hört, die doch so ganz anders klingt, als das, was beim Sprechen direkt durch die Ohren zurückkommt.

Dennoch trifft das Interview ganz gut, was mir das Theoriezentrum ist. Wer es kurz mag, der kann hier etwas finden. Wer es länger mag, der kann mir ja schreiben.

Eine Frage der Ehre

26. September 2018. „Die Nominierung für den Karl Peter Grotemeyer-Preis stellt eine hohe Auszeichnung dar, die ich Herrn Juniorprofessor Deile hiermit gerne bestätige.“ So steht es in einem Schreiben des Rektors, das ich vollkommen unerwartet in meinem Postfach finde, in nicht der billigsten Klarsichthülle

Natürlich freue ich mich riesig darüber, dass ich von Studierenden für diesen Preis, der „für hervorragende Leistungen und persönliches Engagement in der Lehre“ vergeben wird, nominiert worden bin. Mindestens so eitel bin ich auch. Und wer freut sich nicht über positive Rückmeldung für das eigene Tun.

Andererseits bin ich in einer Umgebung groß geworden, in der es Blech für alle möglichen Dinge gab. Ich habe im Studium gelernt, wie man mit Anreizen zu motivieren vermag, auch zu manipulieren. Und ich frage mich, warum gerade ich für den Preis nominiert wurde und nicht Kollegin X oder Kollege Y, die den Preis ganz bestimmt verdienen würden.
Außerdem weiß ich auch, dass ich die hohen professionellen Standards an Lernumgebungen, mit denen ich mich berufsbedingt beschäftige, oft genug nicht erfülle. Mit dem, was ich an der Uni anbieten kann, wo alle meiner Studierenden freiwillig sind, würde ich in einer Schule, wo die Kinder gezwungenermaßen sein müssen, kaum bestehen. Es bleibt viel zu tun.

Aber allen, die meine Lehre angemessen für eine Auszeichnung halten, danke ich sehr für diese Wertschätzung. Die Nominierung für den Grotemeyer-Preis ist mir vor allem Verpflichtung.

Und weil es nicht nur um mich geht im Leben, auch nicht im akademischen, freue ich mich sehr mit meinem geschätzten Kollegen Jörg van Norden, der heute vom Rektor für seine besonderen akademischen Leistungen zum außerplanmäigen Professor ernannt wurde.

Angemessenes Einsehen und angemessenes Begreifen
Das Theoriezentrum diskutiert über Scale in History

13. Juli 2018. Mitunter beschränkt sich Inter- und Transdisziplinarität darauf, Themen zu besprechen, zu denen jede und jeder etwas Senf dazugeben kann. Das macht die Wurst nicht zwingend würziger. Die Diskussion des Theoriezentrums hätte so etwas werden können. Und die Gefahr des Aneinandervorbeiredens hatte sich schon schmerzlich vorab gezeigt. Am Ende saßen dann aber doch Veronica Peselmann als Kunsthistorikerin und Carsten Reinhardt vor interessierter Runde, die sich mit der Lektüre zweier sehr unterschiedlicher Texte vorbereitet hatte:

  • Jennifer L. Roberts: Introduction: Seeing Scale. In: Scale (Chicago, Ill. 2016), 10-24.
  • Dipesh Chakrabarty: Anthropocene Time. In: History and Theory 57.1 (2018), 5-32.

  • Die beiden hatten prägnante Texte ausgewählt und das Publikum einfühlsam vorbereitet um mit Scale – auf Deutsch könnte man vieleicht Skalierung sagen – einen Begriff einzuführen, der in den Kunst und Gesellschaftswissenschaften gerade anorm angesagt ist (ohne dass das zu mir durchgedrungen wäre ;-)
    Nach inspirierender, lebhafter Diskussion sehe ich mindestens zwei Dinge klarer:

  • Imagination kann nicht nur des Menschen größte Fähigkeit sein (wie das Ken Robinson beeindruckenderweise behauptet), es ist auch eine seiner größten Schwächen.
  • Dem 21. Jahrhundert ist mit den Orientierungen des 20. Jahrhunderts nur noch bedingt beizukommen.
  • Seit geraumer Zeit kreisen meine Gedanken um Konzepte historischer Wahrnehmung, Erfahrung, Sinnlichkeit und Imagination. Mit ihrer Hilfe suche ich nach einer Fundierung historischen Lernens, de sich jenseits oder neben oder auch unter dem Konzept historischer Narrativität versenken lässt. Dabei hat mich Ken Robinson, der mir zuerst in Alphabet begegnete, ebenso stark beeindruckt, wie Gerhard Henke Bockschatz’ Aufsatz zu Imagination (Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51, 418-129.) Beide sehen im Prozess der Imagination die oder zumindest eine entscheidende Fähigkeit des Menschen zu einem emanzipierten und schöpferischen Leben. Weil Menschen sich Dinge vorstellen können, die gar nicht anwesend sind, sind sie in der Lage, Welt zu entwerfen, zu erschaffen, nach vorn zu blicken. Und auch eine Vorstellung von Vergangenheit zu entwickeln. Menschen können so zu zeitlichen Wesen werden, de über die augenblickliche sinnliche Erfahrung hinweg existieren. Im Zusammenspiel von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont (Koselleck) entwerfen wir die Welt.
    Genau dieses Entwerfen von Welt im Kopf, dieses permanente Zusammenspiel von mentaler Vorstellung und tatsächlichem sinnlichen Erfassen von Welt, dieser Akt des Wahrnehmens ist auch ein schwerwiegender Defekt des Menschen. „Wir schauen darüber hinweg.“ sagt Johannes Grave und erklärt das Unbehagen Carsten Reinhardts, dass zwar seit 50 Jahren belastbares Wissen über den Klimawandel und seine Folgen vorliegt, das aber kaum nennenswerte Konsequenzen hatte. Spannend, die Experten des Sehens erklären uns, warum das Sehen die robusteste Fehlwahrnehmung ist, über die wir verfügen. Veronica Peselmann erklärt dann auch noch, dass erst das Befühlen, das Bewegen zuverlässige Maßnahmen sind, um die Welt angemessen wahrzunehmen. Ein schönes Beispiel liefert Roman Gibhardt hinterher. Der David von Michelangelo, mit überproportional großem Kopf und Händen, wirkt auf uns als Betrachtende völlig normal, weil das, was unser Gehirn aus den über das Auge aufgenommenen Daten nichts als ein Abgleich ist, eine festgestellte Ähnlichkeit mit dem Konzept Mensch. Und diese bemerkenswerte Fehlleistung führt zu Blindheit gegenüber dem, was wir nicht sehen wollen, wie zum Beispiel den Folgen der Erderwärmung in vielleicht 20 Jahren (konnte man vor vielleicht 20 Jahren denken). Erst wenn uns selbst das Wasser bis zum Hals steht, merken wir, dass da etwas nicht stimmen kann. Und werden den Nachbarn aus der Arche stoßen um selbst den einzigen Platz zu ergattern.

    Meine geschätzten Kollegen, die in Systemtheorie und Strukturalismus gebadet haben und so viel beschlagener sind, als ich, raten zur analytischen Mäßigung, zur moralischen Abrüstung. Sie packen ihr Arsenal an distinkten Boxen aus und ordnen die Scherben dieser Welt fein säuberlich und systematisch ein. Die roten hierhin, die blauen dahin und die grünen – naja, vielleicht dorthin. Am Ende wissen sie sicher besser Bescheid, als ich. So wie das PIK in Potsdam genau erklären kann, wie der Klimawandel funktioniert. Um den Rest sollen sich andere kümmern. Wie bitte? Wollt ihr jetzt ruhig schlafen gehen nur weil ihr den Job gemacht hat, für den man Euch bezahlt? Das wird im 21. Jahrhundert nicht mehr funktionieren.
    Ich würde sagen, dass wir uns wieder mehr an die ethischen Fragen herantrauen müssen. Wir müssen dem (Be)fühlen wieder mehr vertrauen um der Welt gerechter zu werden. Raus aus dem Elfenbeinturm! Wr müssen die Unschärfen zulassen und uns trauen, uns auch halbblind zu bewegen.
    Dorothee Kimmich hat vor zwei Tagen im Bielefelder SFB charmant aber entschieden empfohlen, das Denken in Differenzen durch das Operieren mit Ähnlichkeiten zu ersetzen. Das ist zwar nicht originell – der Poststrukturalismus empfiehlt genau das – aber es ist konsequent. Wenn wir uns wieder stärker der Unschärfen unserer Weltwahrnehmung bewusst sind, wenn wir uns als halbblinde Wesen in dieser Welt nicht mehr so wichtig nehmen, dann werden wir dem gerecht, was der Polarbär zurecht von uns erwarten darf.

    Spiel und Verantwortung. Helmut Lethen in Bielefeld

    3. Juli 2018. Der Tag ist seit langem dick angestrichen im Kalender. Helmut Lethen kommt. Der Helmut Lethen! Vor 2 Jahren hat mir Christin Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit geschenkt. Ein umwerfendes Buch. Selten habe ich etwas mit soviel Scharfsinn, so viel intellektueller Tiefe und gleichzeitig in so anschaulicher, berührender Sprache gelesen. Es ist ein Feuerwerk der Assoziationen, die alle um die Frage kreisen, wie Bilder auf uns wirken, was sie mit uns machen, wir wir uns ihnen gegenüber verhalten. Ich hab das Buch damals verschlungen, hatte aber das Gefühl, noch längst nicht mit ihm fertig zu sein.
    Helmut Lethen spricht in einer Elias-Lecture über Witz und Lebensblindheit der Elite in Nazi-Deutschland. Er tritt ans Pult, fast ein wenig getrieben, leicht vorn übergebeugt, in der Hand eine schon recht zerfledderte Ausgabe des Buches, aus dem er heute Abend lesen wird: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich. Gründgens, Furtwängler. Sauerbruch. Schmitt. Er kann reden. So, wie er schreiben kann. ‚Gibt es das Buch auch als Hörbuch, gelesen vom Autor?’, geht es mir durch den Kopf. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören und sich von ihm zum Denken einladen zu lassen.
    Lethen thematisiert die fatale Verstrickung bürgerlicher Intellektueller ins Dritte Reich und er führt vor, wie dieser Hitler einfach einer war, der fanatisch in die Tat umsetzte, was viele vor und neben ihm im Spiel durchdacht hatten. Und wie sich diese Spieler dann darin verstrickten, Spiel und Realität nicht mehr auseinanderhalten zu können und zu wollen. Wie sie Verbrecher wurden aus Überdruss und Leidenschaft. Wie sie sich verzockten ohne den Bankrott wahrhaben zu wollen. Lethen geht es um Verantwortlichkeit, das merkt man. Auch um die Lust am nur Vorstellbaren aber Unerhörten. Er beschreibt ein „Schattenspiel“.
    Das Buch muss unglaublich sein: Lethen zitiert vier im Dritten Reich Unberührbare zu sich, vier Protagonisten, die sich tatsächlich nie begegnet sind. „Ich sehe sie an einem Tisch und sie müssen sich in Grund und Boden schämen. – Geschämt hat sich kein Schwein, aber Entschuldigungen habe ich nicht akzeptiert.“ Lethen beschreibt ein Experiment. Er bringt die vier „Halunken“ fiktiv zusammen und lässt sie miteinander reden. Dabei gesellt er ihnen Personen aus anderen Zusammenhängen zu, legt ihnen Zitate in den Mund von ganz anderen (aus Gründgens Mund kommt Susan Sontag). Er borgt sich Beschreibungen (Kafkas Schloß). Es ist ein Kaleidoskop der Assoziationen, deren Arrangement dem nahezukommen versucht, was die Verstricktheit dieser Eliten in den Nationalsozialismus erklären könnte. Lethen benutzt die Fiktion, die für ihn eine „wichtige Hilfskonstruktion für das Verständnis von Wirklichkeit“ ist. Für mich als Historiker ist das unerhört, muss es unerhört sein. Aber ich habe große Lust, das zu lesen. Das Buch ist schon bestellt. Ich freue mich auf den Moment, wo ich es in den Händen halten werde. Mein Kollege van Norden stellt die erste Frage, als Historiker, den das Vorgehen Lethens baff erstaunt. Der reagiert gelassen und sehr interessiert mit dem Hinweis, dass es Historiker schwer haben weil sie Anachronismen nicht in den Griff bekommen können mit ihrer Epistemologie und vor allem Narratologie. Dabei bauen sie „mit jeder Konjunktion, mit jedem ‚weil‘ oder ‚dann‘ eine Interpretationskette auf, die sich in den Quellen nicht finden lässt“. Deshalb macht Lethen gleich etwas anderes daraus, weil er keine Angst hat vor dem bloß Vorstellbaren, weil er über die Wirklichkeit hinauszukommen vermag, wenn er den Vorstellungen traut.

    Irgendwann im Laufe des Vortrags mache ich einen Fehler: ich will eigentlich nur wissen, wann Lethen in Rostock war. Wohl deshalb, weil ich mich ärgere, ihn womöglich verpasst zu haben als ich in Greifswald war. Wikipedia informiert mich dann denkbar nüchtern: „Er ist mit Caroline Sommerfeld-Lethen, einer rechten Aktivistin der Indentitätren Bewegung verheiratet.“ Bämmmm! Alles bricht in sich zusammen. Dieser vor Esprit und Witz sprühende Lethen und seine verblendete Frau? Worüber reden die am Küchentisch? Wie begegnet man einem Nazi? Was ist ein Nazi? Wieso ist gerade die Frau eines linken 68ers bei den Identitären? Fragen über Fragen. Zerbrochene Gewissheiten. Und keine Antworten. Nur eines: die Schemata gehen nicht auf. Links / rechts. Vorwärts / rückwärts. Oben / unten. Das funktioniert alles nicht. Wir lullen uns selbst ein mit billigen Erklärungen, zimmern uns grobe Schubladen und richten uns ein in der Bequemlichkeit der einfachen Antwort. Und so verstehen wir nicht, warum ein Pegida-Anhänger auf die Straße geht (das machen die nicht aus Langerweile, sondern weil sie ein drängendes Anliegen haben), warum die Wahlergebnisse so sind, wie sie sind (als Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit den Mechanismen der Repräsentation). Das Handlungsfeld gehört dann den Seehofers in diesen Land (auch das an diesem Tag).
    Ich hab mich nicht getraut, Lethen diese Dinge zu fragen, die ich ihn fragen wollte. Ich hatte beschlossen, nach Hause zu fahren und die beiden schreibend an den Küchentisch zu zitieren, ihn und seine Frau. Aber das wäre wohl zu plump geworden. Ein billiges Imitat dessen, was Lethen so genial gewoben hat in seine Staatsräte.
    Aber er und sie bringen mich zum Nachdenken. Wenn wir irgendwie verstehen wollen, was gerade passiert in diesem Land und in Europa, dann können wir es uns gewiss nicht einfach machen. Aber wir sollten aufpassen mit den Spielereien. Nicht mit ihnen aufhören, aber auch wissen, wann das Spiel vorbei ist. Soviel hat sich schon mal eingestellt heute Abend.
    Und ich lese fasziniert und verstört weiter an diesem Abend: in der New York Times, in der FAZ, in der ZEIT...
    Heute Morgen hat Beate Zschäpe zu Abschluss des NSU-Prozesses das letzte Wort erhalten und ergriffen, nachdem sie hunderte Tage geschwiegen hat. Sie hält sich für nicht schuldig. Schuldig bleibt sie aber den Opfern die eine entscheidende Antwort: Warum gerade mein Vater, Onkel, Bruder, warum gerade meine Frau, meine Freundin? Wahrscheinlich hat Zschäpe keinen dieser furchtbaren und hasserfüllten Morde selbst begangen. Aber wer will glauben, dass sie nichts davon gewusst haben soll. Warum hat sie dann nichts getan, diese Verbrechen zu verhindern? Was hat sie getan, um Hass, Gewalt und Verachtung den Raum zu entziehen?

    11. Juli 2018. Ein Nachtrag: Der letzte Satz der Einleitung begleitet mich weiter. Überreste der Täterwelt zirkulieren auf dem Marktplatz der Gegenwart.

    Wem gehören die Germanen? – Tagung in Göttingen

    16. Juni 2018. Welche Verantwortung hat Wissenschaft? Und welche Möglichkeiten? Welche Aufgabe? Und welche Reichweite? Es gibt Wissenschaften, die haben es nicht nötig, derartiges zu reflektieren. Gerade aber die kleinen Bereiche, die Ränder der Disziplinen sind es, die diese Fragen stellen, Fragen, die sich Wissenschaft grundsätzlich stellen sollte, wahrscheinlich öfter, als das der Fall ist.
    In Göttingen haben sich drei Mediävistiken zusammengetan, aus Germanisitik, Anglistik und Nordistik und eine Tagung auf die Beine gestellt, eine Tagung zu den „Sogenannten Germanen“, zur „Popularität des frühen Mittelalters im öffentlichen Diskurs“. Nach all der mythologisierenden Aufladung der sogenannten ‚Vorgeschichte’ im Nationalsozialismus war das Thema nach 1945 und insbesondere nach 1968 diskreditiert. Die wissenschaftliche Beschäftigung kann mittlerweile randständig genannt werden und wird kaum wahrgenommen. Stattdessen gehört das Feld rechten Ideologen, Verschwörungstheoretikern, völkischen Siedlern, Hobbyarchäologen, Nazibands und Freizeitaktivisten. Was läuft hier schief?
    Zunächst einmal kann man eine Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft registrieren. Trumpismus in allen möglichen Facetten. Es geht gegen ein bürgerliches Establishment, gegen etablierte Deutungshoheiten. Das treibt weltweit die Wissenschaftler auf die Straße: march of science. Gut so. Aber man sollte es nicht versäumen, warum das so ist? Im Reflektieren überm Selbstgewissheiten und Selbstgerechtigkeiten liegt das Potential, wieder an Einfluss zurückzugewinnen. Nicht weil man meint, dass einem der zusteht, sondern weil man fähig ist, zuzuhören, zu analysieren und verständlich zu erklären. Diese Art einmischender Wissenschaft braucht es mehr denn je.
    Tagungen, wie die in Göttingen sind ein guter Anfang. Denn hier saßen sehr unterschiedliche Leute an einem Tisch: klassische Mediävist_innen verschiedener Fächer ebenso wie Denkmalpfleger, Politologen, Soziologen und auch ich als Geschichtsdidaktiker. Unter den Besucher_innen waren nicht nur Wissenschaftler_innen, sondern auch Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen und Studierende. Ein Anfang, wie ich meine.
    Ich selbst hatte mir Schulbücher aus Kaiserreich, NS, BRD und DDR vergleichend angeschaut. Einerseits bestätigte sich das schon oben beschriebene Muster der Thematisierung. Verblüffend war, wie die DDR den im Kaiserreich etablierten Befreiungsmythos ideologisch ummünzte, ansonsten aber 1945 voll auf ihn zurückgriff. Erschreckend und über das Erwartete hinausgehend zeigte sich die Tiefe der ideologischen Durchdringung im Nationalsozialismus: eine Chronologie, die von der Gegenwart rückwärts entfaltet wird, Vorgeschichtsforschung als entscheidende Bezugswissenschaft, durchgängige Gestaltung des Geschichtsbildes anhand des Rassebegriffs. Und heute? Zwei Doppelseiten im Schulbuch des Jahres 2012, die am Thema aber insbesondere methodische Kompetenz schult.
    Während draußen die Nazibands mit Runen hantieren. Während sich völkische Siedler von der Welt abwenden und ihre kruden Mythen auf einsamen Höfen leben. Und während all jene, die sich ernsthaft für das Thema interessieren, besonders auf die Literatur der Nazizeit zurückgreifen. Da ist der Giftschrank, in dem die Bielefelder Unibibliothek (es gibt ihn tatsächlich), keine wirksame Lösung. Es ist Zeit, sich wieder mehr einzumischen.

    Carolyn Steedman zu Gast im Theoriezentrum: Poetry for Historians

    13. Juni 2018