Ein vielleicht nicht überraschendes, aber immerhin bemerkenswertes Resultat dieser Kommentierungsform ist der ganz unterschiedliche Umfang, den
dieser Weltanteil in den behandelten Texten hat. Für die Novellen von Kleist und Kafka gibt es so gut wie nichts zu zeigen oder zu Gehör zu bringen,
sondern es ist die darin berührte Sachwelt ganz konturlos und offensichtlich nur der Empfindungen der Hauptpersonen wegen da. Ganz anders
bei Hoffmann, Storm, Hauptmann oder Thomas Mann. Hier werden immer wieder auf das Deutlichste reale Erscheinungen einbezogen, die offensichtlich
nicht bloß den Personen, sondern auch dem Leser etwas sagen sollen und die sich folglich auch dokumentieren lassen. Bei Eichendorff,
Droste-Hülshoff, Keller und Meyer gibt es solche Erscheinungen zwar auch, aber sie zeigen sich oft nur verschwommen, da die Autoren
auf die letzte identifizierende Deutlichkeit für sie verzichten.
Die wahrnehmungslenkende Vervollständigung der Texte, die mit der Bild- und Tonkommentierung einhergeht, kann allerdings, das soll
gar nicht bestritten werden, auch desillusionierend sein. Nur gilt das im Prinzip für jede Erläuterung, ja jedes
Sprechen bereits über Literatur, und so lässt es
sich beim öffentlichen Umgang mit solchen Werken auch nicht vermeiden. Wenn das aber so ist, dann ist es besser, das jeweils Tatsächliche
zu zeigen, als sich nur in Beschreibungen zu ergehen, die auch wiederum der Vorstellung große persönliche Spielräume überlassen.
Und nicht zuletzt ist der lebens- und kulturgeschichtliche Horizont, der sich hinter der Mehrzahl der Novellen in dieser Art der Kommentierung öffnet,
auch für sich selbst ein Wert.
- Bernd W. Seiler - ist mitzuteilen, dass er bis 2005 Professor der Fakultät für Linguistik und
Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld
gewesen ist
und bereits die im gleichen Verlag erschienenen Kommentare zu Goethes "Werther" (2003) und Fontanes "Effi
Briest" (2004) verfasst hat. Wie die früheren beruht auch der Novellen-Kommentar auf einer langen beruflichen und persönlichen
Auseinandersetzung mit den betreffenden Werken, und natürlich wurde er ebenfalls nach allen Geboten wissenschaftlicher Sorgfalt und Redlichkeit
erstellt. Bezüglich der Technik wurde die von Prof. Dr. Jan-Torsten Milde (Fachhochschule Fulda) für die beiden früheren CDROM-Ausgaben
entwickelte HTML-Struktur übernommen und auf den vergrößerten Rahmen der zwölf Novellen übertragen.
Für fachkundigen Rat in dieser Hinsicht ist Martina Dankwart zu danken.
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Bielefeld, im April 2007
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Bernd W. Seiler
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