Zu der Ardenne'schen Tafelrunde in Schloss Benrath gehört auch der
Amtsrichter Emil Hartwich. Geboren 1843 und also fünf Jahre älter
als Ardenne, haben sich beide samt ihren Ehefrauen schon bei Ardennes
erstem Düsseldorfer Aufenthalt kennen gelernt. Der Anlass damals: ein
geselliger Abend im 'Malkasten', dem Haus der Düsseldorfer
Künstler-Gesellschaft, der Hartwich als begabter Maler selbst
angehört. Noch sechs Jahre später erinnert er sich in einem
Brief an Elisabeth genau des Tages, des 6. Januar 1879, an
dem "jener denkwürdige Malkasten-Abend" stattfand, "den das Schicksal
dazu ausersehen hatte, die Familie v. Ardenne mit Hero und mir
zusammenzuführen". Sicherlich hat er sich also vom ersten Moment
an zu ihr hingezogen gefühlt und ebenso sie sich zu ihm,
so wie auch Effi sich an die erste Begegnung mit Crampas später
genau erinnert (siehe Kap.24, Abs.101).

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Der Amtsrichter Emil Hartwich - das Pendant zu Crampas
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Im Unterschied zu Crampas, dem außer seinem Verführ-Talent nichts
Auffälliges anhaftet, ist Emil Hartwich ein vielseitiger und weit über
sein Berufsfeld hinaus engagierter Mann. Er malt nicht nur, sondern spielt auch
Cello und ist auf eine für die damaligen Verhältnisse ungewöhnliche Weise
sportlich. In einer 40 Jahre nach seinem Tod erschienenen Schrift, in der
Erinnerungen an ihn zusammengetragen sind, heißt es:
Wenn Crampas noch bei neun Grad in der Ostsee badet und allerlei Unkonventionelles
äußert, mag das also von Hartwich übernommen sein. Aber dessen Engagement für die
Körperertüchtigung geht viel weiter. Er verfasst 1881 eine Schrift mit dem
Titel "Woran wir leiden. Freie Betrachtungen und praktische Vorschläge über
unsere moderne Geistes- und Körperpflege in Volk und Schule". Leidenschaftlich
tritt er darin für die Einführung eines regelmäßigen Turn- und Sportunterrichtes ein,
da ihm die Überfrachtung der Schuljugend mit bloßem Buchwissen zu einer Schädigung der
Volksgesundheit zu führen scheint. Er dringt mit diesen Vorschlägen bis in das
preußische Königshaus vor, und in Düsseldorf werden mehrere Sportbünde auf
seine Initiative hin gegründet. Als "geistig, leiblich und seelisch außergewöhnlich
begabt" bezeichnet ihn noch die 90-jährige Elisabeth von Ardenne in einem Brief an
ihren Enkel Manfred, als Menschen von einer "lebenswarmen, begeisternden,
hinreißenden Manneskraft".
Seiner Familie fühlt sich Hartwich allerdings wohl weniger verbunden. Seine Frau Hero,
zwei Jahre jünger als er, hat ihm zwar drei Söhne und eine Tochter geboren,
aber sie ist durch die Kinder ans Haus gebunden (die Tochter stirbt mit zwei Jahren),
kränkelt auch leicht und kann an seinem nach außen gewendeten Leben kaum teilnehmen.
Die 'gute Hero' nennt er sie jedes Mal, wenn er sie für eine Geselligkeit entschuldigen
muss. Wenn Effi an ihre Mutter schreibt, mit Frau von Crampas könne es "nichts werden.
Sie ist immer verstimmt, beinahe melancholisch" (Kap.13, Abs.3),
so mag dies also auch eine Reminsizenz an die Ardenne-Geschichte sein.
