Buchbesprechung


FAZ (Politische Bücher) vom 28.12.2004, S. 6

Tief im Westen

Rohstoffkarten: Reserven für einen verlorenen Krieg

Werner Abelshauser (Herausgeber): "Goe-ring’s Atlas". Das Handwerkszeug des Rüstungsdiktators. Geheimes Kartenmaterial aus dem Büro des Beauftragten für den Vierjahresplan Reichsmarschall Hermann Göring. 33 Karten. Archiv Verlag, Braunschweig 2004. 33 Karten im Großformat, 178-€. Nur im Direktvertrieb.

Als Anfang Mai 1945 amerikanische Truppen Hermann Göring auf dem Gebiet der "Alpenfestung" gefangennahmen, fanden sie in seinem Besitz Kartenmaterial der Vierjahresplanbehörde, der er seit 1936 vorstand. Die Amerikaner druckten 1946 einige Kopien nach, auf denen sie lediglich die Legenden und Länder sowie Meeresnamen ins Englische übersetzten. Während das deutsche Original einschließlich eines statistischen Beihefts verschollen ist, war von dem amerikanischen Nachdruck der Karten bislang nur ein Exemplar in der Li-brary of Congress in Washington bekannt. Nun ist ein zweites Exemplar in Deutschland aufgetaucht, das Werner Abelshauser als Vorlage für einen Nachdruck verwendet hat.

Abelshausers kundige Einleitung setzt sich von der ziemlich reißerisch anmutenden Werbung und Betitelung des Verlags wohltuend ab. Denn Göring war im Frühjahr 1944, als der Atlas entstanden sein soll, schon lange nicht mehr "Wirtschaftsdiktator". Wenn man schon einer NS-Größe diesen irreführenden Titel verleihen will, der die auch bis 1944 immer noch vorhandenen Handlungsspielräume gerade großer Unternehmen überdeckt, so hätte er 1940/41 Fritz Todt, 1942 bis Frühjahr 1944 Albert Speer und ab dann bis Kriegsende dem SS-General Hans Kammler gebührt. Der ehemalige Kunstflieger Göring dagegen widmete sich 1944 viel lieber der Jagd, der Sammlung geraubter Kunstwerke oder dem Konsum von Rauschgift. Seine Karriere hatte bereits Anfang der vierziger Jahre mit dem vergeblichen Versuch der Invasion in England, seinem Versagen in der Rüstung und in der Luftverteidigung ("Ich will Meier heißen, wenn nur ein feindliches Flugzeug über die deutschen Grenzen kommt") ein recht schnelles Ende gefunden. Das in der Vierjahresplan-Behörde entstandene Kartenwerk war also nicht "das Handwerkszeug des Rüstungsdiktators" Göring, sondern wird wohl eine Art Nachschlagewerk für höhere Behördenmitarbeiter gewesen sein.

Das mindert den Wert dieser Dokumente keineswegs. Im einzelnen finden sich sechs Karten für wichtige Rohstoffvorkommen (Kohle, Eisenerz, NE-Metallerze, Mineralien, Salze), acht für die Grundstoff-und Rüstungsindustrie (Petrochemie, Chemie, Metallerzeugung und -Verarbeitung, Fahrzeugbau) und eine Karte für Elektrizitätswerke. Während sich diese auf das "Großdeutsche Reich" (einschließlich "Generalgouvernement" und "Protektorat Böhmen und Mähren") beschränken, veranschaulichen acht weitere Karten Rohstoffvorkommen, Industriebetriebe und Großkraftwerke im besetzten Westeuropa (Niederlande, Belgien, Frankreich). Je drei Karten thematisieren das besetzte Nordeuropa (Dänemark, Norwegen) und Osteuropa ("Reichskommissariat Ostland", "Reichskommissariat Ukraine"), und vier behandeln das besetzte Südosteuropa (Serbien, Griechenland). Einmal mehr wird erkennbar, daß Westeuropa für die deutsche Kriegswirtschaftspolitik einen viel höheren Stellenwert hatte als die im Vergleich unterentwickelten Regionen Ost- und Südosteuropas. Der "Lebensraum im Osten" war agrarwirtschaftlich und wegen seiner Rohstoffvorkommen interessant, nicht jedoch wegen industrieller Kapazitäten. Erstaunlich ist, was sich nicht auf den Karten befindet. Zum einen sind dies die Rohstoffvorkommen und Fertigungskapazitäten Italiens und der südosteuropäischen Vasallenstaaten (Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien), zum anderen strategisch wichtige Eisenbahnlinien. Denn es erforderte erhebliche Ressourcen, Maschinen und Material in eroberte, meist von den abziehenden Verteidigern zerstörte Abbau- und Industriegebiete heranzufahren und nach der Wiederingangsetzung die geförderten oder erzeugten Produkte wieder abzufahren.

Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Frage, ob die von den Amerikanern vorgenommene und vom Herausgeber übernommene Datierung richtig ist. Zunächst ist nicht recht nachvollziehbar, daß ein als Planungsgrundlage gedachtes Karten- und Zahlenwerk, das im Frühjahr 1944 entstanden sein soll, den "Stand von 1942 und 1943", genauer: Ist-Zahlen für 1942 und Soll-Zahlen für 1943 enthält. Man kann sich auch kaum vorstellen, daß deutsche Planstellen noch im Frühjahr 1944 ukrainische Bergbaugebiete berücksichtigten, die schon seit einem Jahr wieder in sowjetischer Hand waren. Die Wirtschaftskarten der besetzten Ostgebiete entsprechen vielmehr fast exakt dem Frontverlauf von März 1943 (Ausnahme: Bauxitabbau in Tich-win). Verwunderlich ist schließlich, weshalb die Rohstoffvorkommen und vor allem Industriebetriebe des seit September 1943 besetzten nord- und mittelitalienischen Territoriums nicht in das Kartenwerk aufgenommen worden sind. Es gibt also Indizien, die nahelegen, daß die Erstellung des Kartenwerks auf das zweite oder spätestens dritte Quartal 1943 zu datieren ist.

Die Frage der Datierung ist deshalb wichtig, weil die vorliegende Edition ihren Interessentenkreis wohl vor allem unter wissenschaftlichen Bibliotheken und Instituten suchen dürfte. In welchen Regionen und Mengen das NS-Regime produzieren ließ, ist in der Forschung entweder bekannt oder dem trotz aller Zerstörungen reichlich vorhandenen Archivmaterial zu entnehmen. Der Wert der Karten liegt vielmehr in der topographischen Visualisierung der Produktionsschwerpunkte. Für die Einordnung ist es daher unabdingbar, eine einigermaßen genaue Datierung zu kennen.

MARK SPOERER